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Montag, 19. Oktober 2015

Schuld - und Sühne?

Am 17.10. hatte ich die tolle Gelegenheit, mir das aktuellst Stück der Performance Gruppe-RAMPIG anzusehen. Sie haben sich mal wieder selbst übertroffen. Mit "Schuld (und Sühne)" haben sie eine intensive und atemraubende Produktion entwickelt. Eine Performance, die nur von eleganten, geschickten, witzigen, verstörenden, subtilen Querverweisen auf "Schuld und Sühne" (bzw. "Verbrechen und Strafe") von Dostojewski - aber auch auf andere Werke von Dostojewski, sowie vieles andere aus der russischen und sowjetischen (Pop-)Kultur - wimmelt.
Ich konnte es mir nicht nehmen lassen, dazu etwas zu schreiben. Und, wie schon zu Permafrost, gibt es wieder zwei Rezensionen. Eine - eher im journalistisch-publizistischen Stil (die ihr hier findet), eine - eher als persönlicher, pseudoliterarischer Antworttext (kommt noch).

Mein Henker und ich - jenseits von Illusionen

Die Performance findet auf dem verlassenen Kasernengelände des Benjamin-Franklin-Village statt, in einer Geisterstadt am Waldrand. Wir versammeln uns am Tor – 8 Menschen, von denen sich die meisten untereinander nicht kennen. Eine Schicksalsgemeinschaft irgendwie. Ein kleiner Bus holt uns ab. Der Fahrer spricht nicht mit uns, antwortet auf Fragen nur in knappen Sätzen auf Russisch. Es dröhnt unangenehm laut schlechter russischer Techno. Party-Stimmung will allerdings nicht einsetzen. Zu unbehaglich ist es auf dieser Fahrt ins Ungewisse. Die Videoaufnahmen von Wald und Natur, die auf einem Bildschirm im Bus laufen, wirken auch nicht Ruhe stiftend, sondern bedrohlich. Ein Käfer zappelt hilflos auf dem Rücken. Ein Schuh zerquetscht einen Frosch und der Rückwärtsgang des Videos versucht vergebens es wieder ungeschehen zu machen. Wir kommen an. Eine verstört und zerzaust aussehende Frau rennt neben dem Bus her, schreit, haut gegen die Scheiben. Sie ist es auch dann, die kurze Zeit später die einleitenden Worte zur anstehenden Reise ins Gebäudeinnere an uns richtet. Wie eine Begrüßung fühlt es sich nicht an. Der Ratschlag, der sich für mich am meisten bewährt hat, war: „Lasse alle Illusionen zurück.“ Wer sich an Illusionen klammernd in den ehemaligen Supermarkt begibt, den die RAMPIGs für diese Performance bezogen hatten, wird nur noch mehr verletzt werden, wenn sie dann mit großer Wucht zerschlagen werden und unwiederbringlich zerbersten. Wie durch eine Axt.

Drinnen wandern wir als kleine Zuschauer*innen-Gruppe von Raum zu Raum, immer wieder gelockt (oder vielleicht auch verlockt?) von den Performer*innen. Dunkel sind die Gänge, mit vielen verwinkelten Nebenfluren, die schiere Anzahl der Türen verdeutlicht, wie leicht es ist, sich hier zu verirren. Ohne die Performer*innen, die uns immer wieder die Richtung weisen, wären wir hier wohl verloren. Rasch setzt sich ihnen gegenüber ein Gefühl der Abhängigkeit ein, des Ausgeliefert-Seins. Teilweise auch eins der Angst. Zum Beispiel wenn ein Mann mit Wahnsinn im Blick von einem Ritual erzählt, bei dem sich Männer mit Messern in Trance tanzen, bis einer sich als Opfer erweist und kollektiv ermordet wird. Seine Stimme wechselt – völlig unberechenbar – zwischen aufgebrauchtem Blutrausch und schüchtern-verharmlosenden Ausführungen. Dabei lässt er auf dem Tisch ein Messer kreisen, zeigt abwechselnd auf uns, ist auf der Suche nach dem Opfer in unserer Gruppe. Teilweise auch ein Gefühl des Mitleids. Zum Beispiel wenn ein zierliches Mädchen vor unseren Augen zitternd mit weit aufgerissenen Augen zusammenkauert, immer wieder angespannt hysterisch kichernd. Uns dann mit kindlicher Verzweiflung ein großes Einmachglas mit toten Mäusebabys entgegenstreckt und dann ganz in sich vertieft es streichelt.

Alle Räume sind mit Schuld erfüllt. Es ist schwer zu sagen, ob sie in der Luft hängt wie gelber Nebel oder an der Haut aller, die sich hier bewegen, klebt wie Spinnweben. In jedem Raum offenbart sich ein neues Gesicht der Schuld. Wahnsinn, der Menschen von innen aushöhlt. Unterwerfung bis zur Selbstverleugnung, bis man statt eines Menschen eine schlaffe Stoffpuppe mit leeren Augen vor sich sieht. Gewalt, ohne erkennbaren Grund. Mord. Körperlichkeit und Sexualität, denen jegliche Sinnlichkeit fehlt, sondern nur eine abstoßende Krudheit anhaftet. Verwesung, die nichts verschont. Verrat und Enttäuschung – der Familie, der eigenen Prinzipien. Einsamkeit.

Und noch zermürbender und bedrückender als die Schuld selbst, sind die verzweifelten Bemühungen, sie zu tilgen, die rastlose Jagd nach Vergebung. Sie sind alle vergeblich. Strafe gibt es zu genüge an diesem Ort. Sühne nicht. Denn wie will man sich denn vom Blut reinwaschen, wenn das Wasser schon tiefrot ist? Wie zur Erkenntnis gelangen, wenn die Äpfel zu Evas Füßen alle längst verdorben sind? Die Schuld lässt sich auch nicht leugnen. Egal wie angestrengt die junge Frau ein Kinderlied von Liebe und happy family singt, es entgleist zu einem verzweifelten Kreischen und der einsamen Gefangenschaft in einem leeren, fensterlosen Raum. Immer und immer wieder versuchen die Performer*innen sich selbst zu Auserwählten zu küren. Auserwählten, denen es zusteht, Richter und Henker zu sein. Doch dann scheitern sie an dieser Aufgabe. Zögern zu lange, erstarren immer wieder in hilflos-verzweifelter Regungslosigkeit. Versuchen fortzurennen, kriegen aber die Füße nicht vom Boden. Und werden unausweichlich von der Schuld eingeholt. Der Versuch, die Unterdrücker anzuspucken, scheitert immer wieder. Nach oben lässt sich eben schlecht spucken.

Viele, viele Räume. Unzählige Facetten der Schuld – verwinkelt und düster und verschachtelt wie der Raum selbst. Was sich jedoch nach einem Gang durch ein Museum oder Gruselkabinett anhört, erweist sich für uns Zuschauer*innen viel eher als Herausforderung, sich den Weg durch das Labyrinth zu bahnen, ohne sich dabei zu verlieren. Ein Labyrinth, das aller Bizarrheit zum Trotz bedrückend realitätsnah ist. Zuschauer*innen ist da auch bei näherer Betrachtung das falsche Wort. Wir schauen nicht nur zu, wir sind Teil der Szenen, die sich hier entfalten. Und werden dadurch zu Mittäter*innen, laden die Schuld des tatenlosen Zusehens, des Nicht-Eingreifens auf uns. Die Versuchung ist manchmal groß, zu trösten, vor Gewalt zu beschützen. Aber zu groß ist die Unsicherheit, die Unterwerfung gegenüber der Maschinerie dieses Mikrouniversums. Und haben wir zu Beginn nicht alle einen Bissen von der Henkersmahlzeit eines Serienmörders gegessen und uns damit einen Teil seiner Schuld wortwörtlich einverleibt? Nein, auch vor dieser Erkenntnis gibt es kein Entrinnen: schuldig sind wir alle. Das böse Prinzip tragen wir alle in uns.

Das Labyrinth entpuppt sich als das Ablaufen eines Lebenslaufs. Rückwärts, von Ende bis Anfang. Von der Hinrichtung – wohl die einzige Methode, die Schuld enden zu lassen – bis zur Geburt erforschen wir ein Leben, auf der Suche nach dem Punkt, an dem die Schuld begonnen hat. Wir finden ihn nicht. Die Schuld erstreckt sich durch das gesamte Leben. Sie fängt damit an, dass wir uns nicht an der Nabelschnur entlang zurück in den Mutterschoß gehangelt haben. Diese Chance verpasst habend, sind wir nun in dieser unwirtlichen Welt, ausgeliefert und einsam. Einsamkeit durchzieht hier alles. Es gibt keinerlei positive Interaktionen zwischen den Performer*innen. In der Schuld und im Schmerz ist sich jede*r selbst am nächsten. Andere Menschen und das Umfeld sind stets bei dem beteiligt, was eine*n zum Verbrechen getrieben hat. Mit der Schuld bleibt man jedoch alleine. Und so kommt es auch, dass man in den vorgetragenen Texten immer wieder Henkern begegnet, Hinrichtungen allgegenwärtig sind, man aber seinen eigenen Henker nie sieht. Außer beim Blick in den Spiegel. Ist nicht der am schwersten zu ertragende Anblick, der ins eigene Gesicht, die eigentliche Hinrichtung?

Das Verlassen des Labyrinths fühlt sich befreien an. Aber die nagende Leere und die drückende Schuld lassen sich nicht abstreifen. Es tat gut noch eine Weile in der Bar mit anderen Zuschauer*innen und Menschen vom Ensemble zu reden. Dem einsamen Rückweg durch das kalt-herbstliche, dunkle Gelände der toten Kaserne fühlte ich mich vorerst nicht gewachsen. Zu sehr spiegelte die Umgebung meine Gefühle von der Performance wider.

Mittwoch, 9. April 2014

Dann mal... Pseudoliterarische Gehversuche

Es fing an mit einer Idee an, die ich eigentlich auch in einen einzelnen Satz hätte packen können.

"Ich gehe gerade vor die Hunde; würden jetzt nicht selbst die Hunde vor mir weglaufen."

Und daraus wurde ein Text:

Sonntag, 9. Februar 2014

Eine Karte des Permafrost-Gebiets

Ein Mann sitzt zitternd auf dem Boden, sortiert gefrorene ganze Heringe. Formt aus den Eisstückchen, die an den Fischen kleben, einen Schneeball, den er weinend sich fest an die Brust presst. Er sieht mich an und fragt dann mit einer Traumwandlerstimme, ob ich ihm helfen würde. Ob ich mit ihm die Fische sortieren würde. Wir sortieren die Fische. Alle mit dem Kopf in eine Richtung, die mit einer geraden Schwanzflosse auf eine, die mit einer gebogenen auf die andere Seite.
Und auf eine seltsame Art und Weise habe ich aber das größere Gefühl der Surrealität, als die Performance vorbei ist und ich mich durch die normalen Mannheimer Abendstraßen bewege.

"ich habe auf diesen berg da gewollt, warum weiß ich auch nicht so genau, und jetzt sind meine zehen schwarz und ich werde jetzt gleich hier sterben in diesem eisgebirge"

Dienstag, 27. August 2013

Malina

Malina ist
  • ein Name (eine kurze Internetrecherche* ergab, dass er entweder Hebräischen oder Rumänischen Ursprungs ist). Der den meisten deutschsprachigen Menschen (meine Wenigkeit eingeschlossen) wie ein Frauenname vorkommt, jedoch ein Männername ist. Was mich zur Beobachtung führt, dass zumindest im westeuropäischen Kulturraum nahezu alle Namen, die auf "a" enden, eindeutig weiblich konnotiert sind. Interessant...
  • der russische Begriff für "Himbeere", was mich doch immer stutzen und zugleich schmunzeln lässt, wenn ich dem Wort als Namen begegne
  • ein großartiger Roman von Ingeborg Bachmann, der auch ebenfalls großartig verfilmt wurde
  • ein wunderbares Lied der viel zu unbekannten Goth-Rock Band "Pretentios Moi?"

Donnerstag, 1. August 2013

Ilse Aichinger

Den einzigen Roman von Ilse Aichinger "die größere Hoffnung" gelesen.

Sie wird nicht umsonst mit Ingeborg Bachmann in einem Atemzug genannt. Und auch der Kafka-Einfluss ist nicht an den Haaren herbeigezogen.

Eine Sprache so stark, dass sie einen als Leser sprachlos macht.

Donnerstag, 25. Juli 2013

Facetten

"Plötzlich sind sie unangenehm berührt. [...] Denn ein Mensch darf schließlich nicht zeigen, daß er anders ist, als man von ihm annimmt. Sonst ist das Publikum, das jeder Mensch für sein Spiel hat, enttäuscht. Nicht weil das Spiel schlecht ist, sondern weil es ein neues Spiel ist. Ein Mensch, der gerade eben noch an unser Mitleid, an unsere Wehmut oder unsere Angst appeliert hat, darf doch nicht plötzlich auf die gleiche Art, auf die er gerade noch mit unserem Ernst experimentiert hat, mit unserer Freude experimentieren! Zu viel darf ein einzelner Mensch nicht in sich bergen. Sonst werden wir unsicher und die, deren wir unsicher sind, mögen wir nicht. Den Menschen aber, der alles in sich zu bergen scheint, diesen Menschen hassen wir, denn es ist gegen die Spielregeln, alles in sich zu bergen."

aus "Gebranntes Kind" von Stig Dagermann
[und ja, die Geisteswissenschaftler unter den Lesern dürfen mich für die scheußliche Zitierweise steinigen. Aber nur mit kleinen Steinen.]

Samstag, 27. April 2013

Katharsis

Kunst muss einfach weh tun.
Und gut ist sie, wenn der Schmerz bei der zweiten, dritten, zehnten Rezeption nicht nachlässt.

Montag, 22. April 2013

Sag's mit Max Frisch

"Ich bin nicht Stiller!"

Donnerstag, 11. April 2013

Kryptisch-Schönes


In einem Buch aus der Uni-Bib (Cioran, "Auf den Gipfeln der Verzw eiflung") habe ich, kurz bevor ich es wieder abgegeben habe, eine Bleistift-Notiz gefunden. Dieser Satz lässt mich seither nicht mehr los. "Will ein Held sein ... unheilbar..."

Freitag, 15. März 2013

Beliebigkeit

"Gebt mir einen präzisen Wunsch, und ich will die Welt auf den Kopf stellen. Befreit mich von meinen Handlungen, von dieser Schmach, die mich zwingt, jeden Morgen die Komödie der Auferstehung und jeden Abend die der Grablegung zu spielen! In der Zwischenzeit gibt es nichts als jene Tortur im Leichentuch der Langeweile... Ich träume von Willenskraft - und alles, was ich will, erscheint mir wertlos."
(E. Cioran; Der Gelegenheitsdenker, Drangsale eines Fremdlings)

Freitag, 8. Februar 2013

Die Urenkel der Nihilisten

“Ich bilde schon lange keine Meinungen mehr. Ich sage Dinge, weil sie besser klingen als andere, die ich ebenfalls hätte sagen können.”
Juli Zeh, Spieltrieb 

Vor gut 5 Jahren habe ich ein grandioses Buch empfohlen bekommen und die Protagonistin für sehr sympathisch befunden.
Vor kurzem wieder neu gelesen und ein alter ego wiedergefunden.

“Das Spiel ist der Inbegriff demokratischer Lebensart. Es ist die letzt uns verbliebene Seinsform. Der Spieltrieb ersetzt die Religiosität, beherrscht die Börse, die Politik, die Gerichtssäle, die Pressewelt, und er ist es, der uns seit Gottes Tod mental am Leben hält.” 
Mit Kontext und ohne Sinn dahingestellt.

Mittwoch, 23. Januar 2013

Ex nihilo nihil fit

Es gibt wohl keine unangenehmere Begegnung, als die zweier Menschen, die sich nichts (mehr) zu sagen haben.

Es gibt wohl keine schmezhaftere Erfahrung, als das Gefühl, grundsätzlich nichts (von Belang) zu sagen zu haben.

Freitag, 24. August 2012

Selbst-verständnis


Konzeptumzingelte Wesen,
mit Worten das Weite suchend,
eine Weite, an die die Erinnerung glüht,
ohne sie je gekannt zu haben.
In geistigen Gewächshäusern geboren,
auf Durchreise im Leben,
mit Hausschuhen durch die Welt ziehen:
mit Selbsttäuschung das Schicksal überreden
wollen, als könnte man doch ankommen.

Kontextualität atmend und
Langeweile essend, Verlangen verlangend,
die eigene Libido als letzter Trumpf
in einem überreizten Spiel.
Die ehrliche Konsumkritik im Kopf
nur mit Selbstironie zu ertragen,
da als Idee längst vom Sockel geglitten.
Zerfallsgeschwindigkeit von Idealen steigt exponentiell,
Ernsthaftigkeit verliert durch Inflation an sich selbst.
Begraben unter einem Tsunami
von Querverweisen und Parallelen,
Banalität überdauert Bedeutung.
Vor Posen fauchend zurückschrecken,
nur um in Anti-Posen zu erstarren.
Von “Sei natürlich”-Paradoxien paralysiert.
Der Wunsch nach Rückvereinfachung
symptomatisch für die Unfähigkeit dazu.
Verloren-verkopfte Surrealität.

Ehrliche Gefühle bleiben eine Utopie,
wenn man keinen Glauben hat, den
man ihnen schenken könnte,
so sehr man es möchte.
Emotion in Abwesenheit einer absoluten Wahrheit
kann einen noch so sehr verzehren,
transzendiert doch nie den Stempel der Illusion.
Alle Karten auf den Tisch geknallt
werden Fährten des falschen Verständnisses verlockender
und die Deckung bleibt so hoch wie nie.

Wir sind alle so meta.
Um wenigstens zu sein.

Samstag, 7. Juli 2012

Blut sehen

Manchmal verwundere ich mich selbst.
Ich habe schon in der Notaufnahme gearbeitet und bei Operationen zugesehen und assistiert. Die Gesamtmenge an Blut, die ich Patienten abgenommen habe, beträgt sicher schon mehrere Liter.
Aber wenn ich die Beschreibung einer Folterszene lese, bei der dem Protagonisten die Nase gebrochen wird, wird mir von den Ausführungen zu seinem Nasenbluten schwummrig und mein Kreislauf verabschiedet sich endgültig.

Freitag, 6. Juli 2012

Lyrik, die Zweite


Ein etwas aktuellerer Text:

Ich bin mal wieder etwas Urheber


Da ich lange nichts Schreiberisches von mir hier gepostet habe, gibt es jetzt mal wieder etwas.
Diese Einheit Lyrik (das Wort "Gedicht" widerstrebt mir manchmal) entstand vor ziemlich genau zwei Jahren und ist einer meiner persönlichsten Texte.
Und da ich mich mal wieder als Kanzerogen fühle, habe ich mich an seine Existenz erinnert.

Freitag, 8. Juni 2012

Lesung

Ich drücke es mal in einem Haiku aus.

Schlechte Lyrik schmeckt
nach altem Kaugummi und
billigem Parfüm.

Und die Haiku-Form dient parodistischen Zwecken.

Meine Fresse, warum?
Bin ich der einzige Mensch, der nicht versteht, wie man Literatur mit abgestandenen Metaphern, geheuchelter Betroffenheit und gekünstelt-verträumten Verliebtheits-Beschreibungen toll finden kann?

Mittwoch, 6. Juni 2012

Melancholia

Nachdem ich zwei Versuche gemacht hatte, Melancholia im Kino zu sehen (der erste scheiterte daran, dass ich krank wurde, der zweite daran, dass alle Plätze schon 20 Minuten vor Beginn des Films ausverkauft waren), habe ich ihn mir nun auf DVD *hust* angesehen.

Der Film ist... intensiv. Es ist auch einer der wenigen Filme, bei denen mich bombastische Szenen (und musikalische Untermalung mit Wagner macht alles automatisch bombastisch) nicht stören, weil sie nicht übertrieben pathetisch oder effektheischerisch wirken, sondern notwendig erscheinen.
Vor allem den ersten Teil des Films finde ich fabelhaft: die Darstellung von Depression, die sich so ganz und gar nicht mit dem, was man aus anderen Filmen und Medien zu diesem Thema kennt, decken will, aber den Nagel doch so auch den Kopf trifft.
Was die weiteren Teile betrifft, so stellen sie vor allem eine erschreckend nüchterne Analyse der Stadien der Verzweiflung dar. Und das Tolle ist: der Weltuntergang in diesem Film, lässt sich eigentlich durch jedes erdenkbare Ereignis (nicht einmal zwingend negativ) im Leben eines Menschen ersetzen und es ergibt immer noch Sinn.

Was ich auch sehr interessant fand, war es diesen Film mit "Antichrist" zu vergleichen. Denn auch da nähert sich Lars von Trier der Thematik von Depression und analysiert menschliches Verhalten noch viel offensichtlicher in Stufen eines Verarbeitungsprozesses. Aber dies geschieht in beiden Filmen mit einem jeweils so unterschiedlichen Schwerpunkt, dass es nicht im Geringsten abwechslungslos wirkt.

Allerdings bin ich schon sehr auf von Triers nächsten Film gespannt. Denn ich muss gestehen, ich fände es schade, hätte auch dieser die Depression als Kernthema. Das hätte dann schon etwas von einem thematischen Festgefahren-Sein, Lars von Trier nur noch als "der Regisseur, der seine Depressionen auf die Leinwand kotzt".

Obwohl man sich da auch die Frage stellen kann, inwiefern eine eher einseitige inhaltlische Ausrichtung zwingend etwas Negatives sein muss. Monothemathische Autoren, Bands, Regisseure können schließlich auch große Kunst entstehen lassen. Und man könnte sogar ketzerisch die Frage stellen, inwiefern nicht die meisten großen Literaten in ihren berühmten Werken sich sehr stark auf ein Thema oder eine zentrale Fragestellung konzentrierten. Aber das ist eher Stoff für ein Gespräch, denn für einen Blogeintrag.

Welt-Grufti-Treffen

Ich nutze mal die Tatsache, dass sich mein Nachtdienst ruhig gestaltet(*touch wood*), und erzähle vom WGT. Weil es vieles zu erzählen gibt, mache ich es in semi-stichpunktartiger Form.

Bands
Einerseits gab es die, die ich schon vor dem WGT kannte, auf die ich mich wie ein kleines Kind gefreut hatte und die meine Vorfreude auch nicht im Geringsten enttäuscht haben. Diese wären:
  • Henke (sprachlich und in der Bühnenpräsenz unheimlich intensiv)
  • Fliehende Stürme (wunderbar ungesprächig ^^)
  • Adversus (die wunderbar ernste Musik machten, sich selbst aber nicht zu ernst nahmen - und Rosendorn auch den Raum ließen, Kurzgeschichten-Exzerpte vorzutragen)
  • Heppner (ja, etwas sentimentale Musik, aber ich stehe dazu)
  • Arkona (fallen hier etwas aus der Reihe, sind aber (v.a. die Sängerin) abgegangen und haben das Publikum mit dieser Energie angesteckt)
Andererseits - und das ist das Tolle am WGT und auch am Konzept des Pfingstbotens (das Programmheft, äh -buch, wo es zu jeder Band auch eine Beschreibung gibt) - habe ich auch dieses Jahr ein paar Bands für mich entdecken können, die ich vorher entweder nicht kannte (weil sie recht klein und unbekannt sind) oder für die ich mich bisher nicht interessiert hatte. Dazu zählen:
  • Traumtänzer (angenehme Musik, auch wenn die Texte teilweise recht unoriginell ausfallen)
  • Rhombus (toller Goth Rock aus England - sehr zu empfehlen!)
  • Genetiks (eine Mischung aus Wave und Hardcore, machten sich als "Vorband" zu den Fliehenden Stürmen sehr gut)
  • The House of Usher (wieder einmal Goth Rock, aber melancholischer als Rhombus oder auch Sisters of Mercy; höre mich gerade durch die Diskographie)
  • Qntal (die ich bisher komplett unterschätzt hatte; kamen im Centraltheater wunderschön zur Geltung)
Aber das WGT wäre nicht das WGT (sondern ein generisches Festival), gäbe es nur Konzerte und kein
Rahmenprogramm
Da gibt es als Höhepunkte zu nennen:
  •  Ausstellung zweier Künstler im Werk II - der eine Graphiker, mit sehr symbolträchtigen Bildern im Graphic novel-Stil, der andere stellte zahlreiche stark ins Bizarre gehende Plastiken aus Metall in allen denkbaren Formen aus
  • Ausstellung von Stasi-Unterlagen zur Grufti-Szene in der DDR (allein wegen der Schreibweisen: "Gruftys", "Krufties" und "Goortiks" (sic!) sehenswert), wo auch ausschnittsweise der auch ansonsten sehr sehenswerte Defa-Film "Unsere Kinder" gezeigt wurde
  • Stummfilm "Berlin - Sinfonie einer Großstadt", der in Bildgewalt und dem Arbeiten mit Symbolik die meisten heutigen Filme übertrifft, stilecht mit musikalischer Untermalung
  • Vortrag "Genderrollen und Ästhetik in der Heavy Metal Szene" mit anschließender Diskussion. Der Vortrag war spannend, die Diskussionsbeiträge gingen in ihrer Qualität von "oh, eine interessante Sichtweise, muss ich mir noch durch den Kopf gehen lassen" zu "nicht im Ernst, oder?" (Stichwort: "als Frau will man ja einen männlichen Mann, also einen, der eine Waschmaschine reparieren kann")
  • und natürlich: Benecke, der mal wieder durch seine quirlig-ADHSige Art einfach grandios war und nebst dem Darstellen eines wirklich spannenden Kriminalfalls noch Exkurse zu Themen wie "Gerechtigkeitsglaube" hinlegte
Ansonsten - was auch zu jedem Festival dazugehört - Zeltplatz-Rumhängen, Rumalbern (z.B. die Texte aus billigen Tittenheften vorlesen: "die gelbe Frucht ist echt eine Wucht"), Grillen, gute Gespräche führen.

Kam auch dementsprechend so erholt und mit so vielen Schreibideen nach Heidelberg zurück. Und wurde etwas sehr vom Alltagstrott überfahren.